William Shakespeares König Lear ist eine jakobinische Tragödie, verfasst in frühneuenglischer Sprache und erstmals in den ersten Jahrzehnten des siebzehnten Jahrhunderts aufgeführt; der früheste erhaltene Text wurde 1608 (das sogenannte Quarto) gedruckt, gefolgt von einer deutlich überarbeiteten Fassung im First Folio von 1623. Entstanden in einer Zeit intensiver politischer und kultureller Reflexion in England nach der Thronbesteigung Jakobs I., greift das Stück auf legendäre britische Geschichte zurück, vermittelt durch frühere Chroniken und dramatische Quellen, namentlich die Lear‑Erzählung in Holinshed und das anonyme Stück The True Chronicle History of King Leir. Seine theatralische Sprache – erkennbar an formalen Akt‑ und Szeneneinteilungen und der rhetorischen Dichte der eröffnenden Hofszene – zeigt Shakespeares reifen tragischen Stil, geformt vom professionellen Londoner Theater und von zeitgenössischen Debatten über Souveränität, Thronfolge und Familienbande.
Das Drama seziert die katastrophalen Folgen, wenn öffentliche Autorität mit privaten Begierden verwechselt wird: Lears Forderung nach performativen Liebesbekundungen verwandelt politische Spaltung in moralischen und psychischen Zerfall. Parallele Handlungsstränge verschärfen diese Untersuchung: Gloucesters Familientragödie spiegelt Lears Schicksal und legt offen, wie Legitimität, Anerkennung und Fehlurteile sowohl Haushalt als auch Staat zersetzen können. Durch seine schonungslose Darstellung von Leid – von der Verbannung der Wahrheitsverkünder bis zur Verwüstung der Heide – hinterfragt König Lear Gerechtigkeit, Natur und die Grenzen menschlicher Sinnstiftung in Extremsituationen, während seine formalen Neuerungen in Figurenzeichnung, Ironie und tragischer Struktur das Werk zum Zentrum moderner Vorstellungen von Shakespeare‑Tragödie und zu einem Bezugspunkt für nachfolgende Literatur, Philosophie und Aufführungstraditionen gemacht haben.