Maß für Maß, vermutlich um 1603–1604 von William Shakespeare verfasst, steht in der Übergangszeit von der späten elisabethanischen zur frühen jakobinischen Epoche des englischen Dramas. Shakespeare, ein Dramatiker des Londoner Theaters, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Historien, Komödien und Tragödien geschaffen, die die Grenzen von Recht, Autorität und menschlicher Barmherzigkeit ausloten. Das Werk ist in frühneuenglischer Sprache verfasst und verbindet hochgestochenen Vers mit volkstümlicher komischer Prosa: formellen Blankvers für moralische Debatten und demotischen Dialog für erdigen Humor. Als Quart-Ausgabe erschien es 1604 in der Blütezeit der englischen Renaissance und greift zeitgenössische Fragen zu Regierung, öffentlicher Ordnung und sexueller Moral auf, in einer Weise, die humanistische Debatten über die Natur der Gerechtigkeit widerspiegelt. Obwohl die Handlung in der fiktiven österreichischen Stadt Wien spielt, spiegelt der Text englische Ängste gegenüber Magistratur, religiöser Gewissensprüfungen und der Reichweite staatlicher Macht in einer sich formierenden frühneuzeitlichen Polity wider. Die diskrete Regierungsführung des Herzogs — die Machtdelegation an Angelo, der Einsatz von Überwachung und das Inszenieren von Belehrungsszenen — lädt dazu ein, das Drama als Meditation über die Grenzen von Autorität und die Performativität von Tugend zu lesen.
Die Forschung zählt Maß für Maß zu Shakespeares sogenannten problem plays, die tragisches Potenzial mit komischem Ausgleich verbinden, um Ethik und Herrschaft zu hinterfragen. Thematisch verhandelt das Stück das Paradox im Kern der Gerechtigkeit: Strenge, wenn sie ohne Barmherzigkeit gemessen wird, droht zur Tyrannei zu werden; Barmherzigkeit, wenn sie der Zweckmäßigkeit geopfert wird, droht Korruption. Angelo verkörpert einen heuchlerischen moralischen Absolutismus, der die Korrumpierbarkeit von Macht offenlegt, wenn sie vom Mitgefühl losgelöst ist, während Isabella prinzipientreuen Widerstand und die Kosten moralischer Reinheit unter politischem Druck verkörpert. Die Verkleidung und das inszenatorische Vorgehen des Herzogs — seine Nutzung von Autorität als Aufführung statt als transparente Herrschaft — werfen andauernd Fragen nach Souveränität, Einwilligung und der Regulierung von Begehrlichkeit auf. Der Titelruf „Maß für Maß“ fungiert sowohl als dramatisches Prinzip wie auch als ethisches Schlagwort und deutet an, dass der angemessene Maßstab der Beurteilung je nach Kontext variiert. Die komplexe Mischung aus Prosa und Vers, aus politischer Intrige und intimer Verletzlichkeit hat spätere Theaterpraxis und Kritik beeinflusst, indem sie Fragen nach Gerechtigkeit, Legitimität und Reform innerhalb einer kompromittierten politischen Ordnung in den Vordergrund stellt und damit moderne Untersuchungen zu Recht, Sexualität und den moralischen Grenzen staatlicher Macht geprägt hat.