James’ Roman Die Gesandten, erstmals 1903 nach vorheriger Serialisierung erschienen, gehört zu seinen späten, kunstvoll ausgearbeiteten Werken und spiegelt seine reife transatlantische Perspektive als in den USA geborener, lange in Europa lebender Romanautor wider. Auf Englisch verfasst vor dem Hintergrund der kulturellen und gesellschaftlichen Spannungen der Jahrhundertwende (fin de siècle) und der frühen edwardianischen Zeit, schöpft der Roman aus James’ anhaltendem Interesse an der Begegnung amerikanischer Provinzialität mit europäischer sozialer Komplexität. Die eröffnende, sorgsam austarierte Verbindung von Bewusstsein, Etikette und Wahrnehmung ordnet das Werk in James’ Jahrhundertwende-Verfeinerungen des psychologischen Realismus ein, geformt durch seine Immersion in europäischen Milieus und durch die zeitgenössische Hinwendung des Romans zur Innerlichkeit und subtilen moralischen Dramatik.
Im Zentrum steht Lambert Strethers Auftrag im Ausland und die allmähliche Auflösung seiner scheinbaren Einfachheit; der Roman seziert Selbstkenntnis als Ereignis, das durch soziale Kontakte, Fehlwahrnehmungen und die langsame Schulung der Aufmerksamkeit stattfindet. James verwandelt eine potenziell schlichte Handlung von Pflicht und Überzeugung in eine Untersuchung von Freiheit, verspätetem Erwachen und den Kosten der 'Zivilisation' sowohl als ästhetisches Gelingen wie als moralischer Kompromiss. Sein berühmt komplexer Stil — Sätze, die kleinste Wendungen von Gefühl und Folgerung nachzeichnen — macht die Form selbst zum Träger des Themas: Wahrnehmung wird zur ethischen Arbeit. James’ Roman Die Gesandten hat nachhaltigen Einfluss auf den modernen psychologischen Roman ausgeübt und gilt als Bezugspunkt für narrative Fokalisierung, die Dramatisierung des Bewusstseins und die Darstellung kultureller Erfahrung als Arena, in der Identität ausgehandelt und nicht einfach erklärt wird.